SWR Vokalensemble Stuttgart 1946 - 2009

1946

Die Gründung von Landesrundfunkanstalten gehört zu den Demokratisierungsmaßnahmen der Alliierten. In diesen Rundfunkprogrammen braucht es natürlich auch Musik, denn die Bürger sollen auch unterhalten und gebildet werden, so der in der Verfassung festgeschriebene Auftrag. Musikaufnahmen aber sind rar. Deshalb werden rundfunkeigene Chöre und Orchester gegründet, die das gesamte Musikprogramm produzieren. Dreizehn Sängerinnen und Sänger werden eingestellt, die als "Kammerchor von Radio
Stuttgart", in provisorischen Räumen wie Dachstühlen oder Wirtshäusern proben sowie in den wenigen verfügbaren Studios Aufnahmen produzieren oder live senden: Choräle für die Funkgottesdienste, Volkslieder für die Heimatabende, vor allem aber Opern, Operetten und Hörspiele. Über den Sendebetrieb hinaus gibt der Chor von Anfang an auch Konzerte in Stuttgart. Ein Jahr später singt der Rundfunkchor bei den Donaueschinger Musiktagen seine erste Uraufführung: "Des Friedens Geburt" von Hugo Hermann.


1949

Die amerikanische Militärregierung zieht sich aus dem Sender zurück und aus Radio Stuttgart wird der Süddeutsche Rundfunk. Mit der Umbenennung der Sendeanstalt ändert auch der Chor – inzwischen erweitert auf 37 Sängerinnen und Sänger – seinen Namen in "Chor des Süddeutschen Rundfunks".

 

1951

Der Sendesaal Villa Berg wird 1951 mit Beethovens neunter Sinfonie eingeweiht.

 

1951-1975

Hermann Joseph Dahmen übernimmt die künstlerische und organisatorische Leitung des Südfunk-Chores. Der ausgewiesene Volksliedforscher setzt seine fundierten Kenntnisse engagiert in die Praxis um, und produziert für das Archiv des Süddeutschen Rundfunks eine geradezu enzyklopädische Menge bekannter und unbekannter Volkslieder. Er fordert den Chor darüber hinaus aber mit Programmen Alter und Neuer Musik, so dass die Choristen innerhalb weniger Jahre zu Sängern werden, die vom gregorianischen Choral bis zur Tanzmusik, von der großen Oper bis zur anspruchsvollen A-cappella-Literatur alle Stilrichtungen souverän meistern. Die vielfältigen Konzertprogramme des Rundfunk-Chors werden zum festen Bestandteil des Musiklebens im Sendegebiet. Neue Musik spielt in der Ära Dahmen von Beginn an eine große Rolle: Bereits 1953 beinhalten fünf von sieben Konzerten Werke der Gegenwart. Der Süddeutsche Rundfunk vergibt von da an regelmäßig Kompositionsaufträge für seinen Chor, denn er begreift es als Teil seines Auftrages, die Entwicklung der zeitgenössischen Musik aktiv zu fördern.

 

1959

erhält der Chor den Namen "Südfunk-Chor" (ab 1992 "Südfunk-Chor Stuttgart"). Einige besonders an Neuer Musik interessierte Chormitglieder gründen um 1960 mit Clytus Gottwald die "Schola Cantorum Stuttgart". Diese erlangt schnell den Ruf eines solistischen Profi-Ensembles.

 

1975-1981

Marinus Voorberg, der Leiter des legendären N.C.R.V. Vocaal Ensemble Hilversum wird Chefdirigent. Als professionelles Ensemble setzt sich der Südfunk-Chor Stuttgart unter Voorbergs Leitung an die Spitze der ambitionierten A-cappella-Chöre der jungen Generation, die auf solistische Verantwortung jedes einzelnen Sängers setzen und damit das Verständnis der Chormusik revolutionieren. Voorberg produziert in dieser Zeit herausragende, kaum bekannte Chorwerke, die heute zum selbstverständlichen Repertoire jedes Profichores gehören. Fast an jedem Freitag wird im Studio aufgenommen, was die Woche über erarbeitet wurde. Dazu kommen zahlreiche Konzerte.

 

1981-1987

Klaus Martin Ziegler, der als Kantor und Chorleitungsdozent in Kassel insbesondere im Bereich der zeitgenössischen geistlichen Musik aktiv war, wird Chefdirigent. Unter Zieglers Leitung stehen insbesondere die anspruchsvollen A-cappella-Werke des 19. und 20. Jahrhunderts im Zentrum der Arbeit. Ein Höhepunkt dieses Engagements ist die Produktion von Matthias Spahlingers "in dem ganzen Ozean von empfindungen eine welle absondern, sie anhalten". In dieser Zeit entstehen auch so legendäre Aufnahmen wie Mauricio Kagels "Mitternachtsstük" oder die "Sankt-Bach-Passion", Krzysztof Pendereckis "Agnus Dei" oder das "Polnische Requiem" unter Leitung der Komponisten.

 

1988-1990

arbeitet der Südfunk-Chor Stuttgart ausschließlich mit Gastdirigenten, darunter Howard Arman, Marcus Creed, Eric Ericson und Uwe Gronostay.

 

1990-2000

Rupert Huber treibt als Chefdirigent die Spezialisierung auf Musik der Gegenwart weiter voran und führt damit das Ensemble zu internationalem Erfolg. Innerhalb weniger Jahre formt Rupert Huber auch einen neuen Chorklang, mit schlanker Stimmgebung sowie großer Präzision der Intonation und Artikulation. Hubers Interpretationen sind klar, genau und unpathetisch. Aus den zahlreichen beispielhaften Aufführungen zeitgenössischer und älterer Werke ragt sein Engagement für Robert Schumann (preisgekrönte Ersteinspielungen von "Der Rose Pilgerfahrt", der Messe c-moll op 147, der Romanzen und Balladen für gemischten Chor I-IV) und für Karlheinz Stockhausen heraus. Drei Werke hat Karlheinz Stockhausen für Rupert Huber und seinen Chor geschrieben, darunter zwei beinahe einstündige Chorszenen im "Mittwoch" seiner Oper "Licht".

 

1998

Mit der Fusion von SDR und SWF zum Südwestrundfunk ändert auch der Südfunk-Chor Stuttgart seinen Namen in SWR Vokalensemble Stuttgart. Damit wird der selbstverständlich gewordenen solistischen Verantwortung der Ensemblemitglieder Rechnung getragen.

 

2000-2002

Das SWR Vokalensemble arbeitet mit Gastdirigenten, darunter Sylvain Cambreling, Marcus Creed, Peter Eötvös, Gary Graden, Heinz Holliger, Rupert Huber, Reinbert de Leeuw, Gustav Sjökvist und Hans Zender.

 

Seit 2003

Marcus Creed wird 2003 Chefdirigent des SWR Vokalensembles Stuttgart: Unter seiner Leitung wird eine eigene Konzertreihe des Ensembles in der Gaisburger Kirche in Stuttgart gegründet, die sich schnell im Musikleben der Stadt etabliert. Creed, der den Ruf eines international profilierten Chordirigenten genießt, legt seine Arbeitsschwerpunkte zunächst auf das Vokalwerk von György Ligeti, Luigi Dallapiccola und Luigi Nono. Darüber hinaus setzt er die Reihe der Uraufführungen fort. Intensiviert wird von ihm vor allem die Zusammenarbeit mit George Aperghis, Heinz Holliger und György Kurtág. In der Regel gehen aus diesen Arbeitsphasen Studioproduktionen hervor, die fast ausnahmslos hohe Auszeichnungen
bekommen. Die CD mit Helmut Lachenmanns Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" erhält den "Grand Prix du Disc". Den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhält das SWR Vokalensemble zweimal in Folge für die Einspielung mit Werken von Strauss, Nono und Wagner sowie für die Gesamteinspielung der Chormusik von György Kurtág. Für die Aufnahme mit Vokalwerken von Charles Koechlin, aufgenommen vom SWR Vokalensemble Stuttgart und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR zusammen mit der Sopranistin Juliane Banse und geleitet von Heinz Holliger, wird der Midem Classical Award 2006 verliehen.

Das SWR Vokalensemble ist auf internationalen Konzertpodien und Festivals ein gern gesehener Gast und ein begehrter Partner für Gastdirigenten. Mehr als die Hälfte seiner Konzerte allerdings gibt das Ensemble im Sendegebiet des SWR, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Die Konzerte werden komplett aufgezeichnet und in Kooperation mit verschiedenen europäischen Rundfunkanstalten sowie in SWR2 gesendet.

Neu in die Runde der Vokalensembleaktivitäten kommt in der Saison 2006/07 die Reihe der Kammerkonzerte im Stuttgarter Kunstmuseum. Die Sängerinnen und Sänger des Vokalensembles sind hier mit Liedprogrammen zu hören.

Neben seiner intensiven Konzerttätigkeit betreut das SWR Vokalensemble
außerdem sein Education-Projekt, das von seinen Anfängen im Jahr 2006 bis
zum Jahr 2010 unter dem Namen "Stimmt" bekannt wurde und seit 2011 unter
"SWR Young CLASSIX" geführt wird. Von der Saison 2007/08 bis Ende des
Jahres 2011 wurde diese Jugendarbeit als Teil von Netzwerk Süd, dem
Vermittlungsprojekt für Neue Musik im Großraum Stuttgart durch die
Bundeskulturstiftung gefördert.

 

In der Saison 2007/08

bringt das SWR Vokalensemble sehr erfolgreich Hans Zenders "Logos Fragmente I, V und VI" bei den Donaueschinger Musiktagen und Adriana Hölzkys Choroper "Hybris/Niobe" bei den Schwetzinger Festspielen zur Uraufführung. Darüber hinaus wirkt das Ensemble mit bei der deutschen Erstaufführung des Musiktheaters "L'espace dernier" von Matthias Pintscher . Seine Pionierarbeit für wenig bekannte Musik des 20. Jahrhunderts setzt das Ensemble mit Konzerten fort, in denen Werke von Charles Ives, Elliott Carter, Edward Elgar, Benjamin Britten und Ralph Vaughan Williams auf dem Programm stehen.

 

2008/09

erweist das SWR Vokalensemble zwei Jahrhundertkomponisten seine konzertante Reverenz: Werke von Elliott Carter, der am 11. Dezember 2008 seinen 100. Geburtstag feiert, stehen auf dem Programm. Gegenübergestellt werden Carters Musiken mit Epoche machenden Werken von Olivier Messiaen, dessen 100. Geburtstag die Musikwelt gedenkt. Ansonsten stehen in dieser Saison große Uraufführungen auf dem Programm, darunter "Martyrium oder Die Dinge sind. Neurotisches Oratorium" für Soli, Sprecher, Chor und Orchester mit Videozuspielungen des jungen Österreichers Bernd Richard Deutsch (Eclat 2009), und Wolfgang Rihms Oper "Proserpina." Monodram für Sopran, Frauenchor und Orchester (Schwetzinger Festspiele 2009). Für die komplette Einspielung der Psalmen von Charles Ives wird das Ensemble erneut mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

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Verein der Freunde und Förderer des SWR Vokalensembles e.V. Aktualisiert am 21.09.2017