Der Chor berichtet

Irrtümer

Bedeutet Vokal-Avantgarde tatsächlich nur Gequietsche auf hohem Niveau? Nein. Na ja, bisweilen vielleicht, aber die Geschmäcker und Hörgewohnheiten der Zuhörer sind ja verschieden. Im Übrigen hat das Ungewohnte zeitgenössischer Musik eine beachtliche Tradition. So, wie es zu J.S. Bachs oder W.A. Mozarts Zeiten war, ist es bis heute: Komponisten bringen ihre Ideen zu Papier, aber nur wenige wurden und werden tatsächlich bekannt. Eine Vielzahl von Komponisten schufen in ihrer Zeit Werke, die - von Stilgewohnheiten ihrer Zeit inspiriert - Neues hervor brachten. Getrieben von der nimmermüden Suche nach Klängen, die so noch nicht gehört wurden. Komponisten bürsten also gestern wie heute gewohnte Hörtraditionen gegen den Strich und überholen damit etablierte und ausgebrannte kompositorische Muster. Die heutige zeitgenössische Musik könnte dabei als eine der freiesten musikalischen Professionen überhaupt erscheinen, weil sich die verfügbare Palette aller bekannten Stilmittel und die musikphilosophische Reflexion darüber seit Jahrhunderten kontinuierlich zu einer Riesenauswahl erweitert hat. Aber es scheint anders herum zu sein. Gerade weil es schon so vieles an bereits Dagewesenem gibt, schöpft man weniger denn je aus dem Vollen: Tatsächlich Avantgarde zu sein ist schwer geworden, denn ein ungeschriebenes Gesetz scheint zu diktieren: Komponiere bitteschön nicht nochmals, was schon einmal da war! Ein hartes Brot, will man klanglich wirklich Neues schaffen. Doch zugleich ist es ein Motor, durch den die Erfinder zeitgenössischer Musik zu noch kühneren Experimenten und zur Auslotung grenzwertig erscheinender Klangwelten angesport werden. Deshalb ist zeitgenössische Musik fast nie langweilig. Sie ist Pionierarbeit. Erstqualität. Und spannend, auch wenn es auf den ersten Eindruck manchmal erheblich quietscht.

 

Die Wassersucher

Ankunft am Konzertort. So mancher Mitarbeiter einer Hotelrezeption wundert sich. Gewöhnt ist er freilich daran, dass ein Chor wie andere gebuchte Besuchergruppen auch das Foyer stürmt, in langer Schlange und Koffer bugsierend den Empfangscounter belagert und dann der Run auf die Aufzüge losgeht. Alle möchten möglichst schnell erst mal auf ihr Zimmer, das ist normal. Aber dass diese Sänger nur Minuten später allesamt ebenso zielstrebig wie zu einem Feueralarm das Hotel wieder verlassen, um haste nicht gesehen mit großen Flaschen bepackt zurückzukehren, verwundert schon. Was tun die da? Das Hauptthema noch vor der Probe ist: Wo gibt es Wasser? Minibar auf dem Zimmer scheidet definitiv aus, da braucht man nur mal reinzuschauen. Schlückchen helfen nicht, Liter müssen her. Sänger auf Reisen, die nippen nicht, die bunkern Wasser, was das Zeug hält. Die umliegenden Supermärkte freuen sich. Luftgetrocknete Stimmbänder nach einem Flug, im ICE ausgedrögte Schleimhäute sind Alltag auf einer Reise zum Konzertort. In 2 Stunden ist Probe und da muss es fluppen mit den hohen und den tiefen Tönen. Evian und Volvic sind dabei. Spätestens bei der Probe hat es sich dann herumgesprochen: Wenn du rauskommst, links, dann ein Stück vor bis zur Ecke, und gleich rechts dahinter ist ein Supermarkt. Ah, Gott sei Dank. Gerettet.

 

Pionierdialog im 60. Jahr

Und ... was machst du so beruflich?

Ich bin Sänger.

Ach, echt? Bei der Oper hier ... da im Dings ...?

Nein, beim Rundfunk.

Ah, SWF oder wie, und in welchem Orchester singst du da?

Im Chor, das ist ein Rundfunkchor. Was du sicher meinst ist das Rundfunksinfonieorchester, das gibt es auch, und eben den Rundfunkchor.

Ah ja, und was spielt ihr da so?

Wir spielen nicht, wir singen.

Echt? Jeden Tag?

Ja, Rundfunkchorsänger ist ein Beruf. Wir singen täglich, machen Aufnahmen für das Radioprogramm, geben Konzerte im Sendegebiet und auch schon mal auswärts. Und wir produzieren CDs, die man dann überall kaufen kann.

Ah ... toll, schöner Beruf, oder?

Ja, ein toller Beruf.

Mensch klasse, finde ich irre, in so 'nem Orchester zu singen, alle Achtung ...

Mmpf ...